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Die nachstehenden Angaben beziehen sich auf die Zeit vor dem Aufstand in Tunesien, also bis Ende 2010. Für die Lockerung oder Aufhebung der nachstehenden Restriktionen machen sich nach dem Aufstand, also ab Frühling 2011,  zwar verschiedene Parteien und Gruppen stark, doch werden gesetzliche Änderungen bzw. Verfassungsänderungen, falls sie denn stattfinden, sicherlich noch einige Monate auf sich warten lassen.



Die vorherrschende Religion in Tunesien ist mit weit über 95% der Islam in der sunnitisch-malikischen Ausprägung.

Informationen darüber, was der Islam ist, welche Inhalte er hat, wie er entstand, etc. findet der geneigte Leser an vielen Stellen im Internet, mit, je nach Autor, verschiedenster Interpretation und Darstellung.
Beides soll nicht die Aufgabe dieser Seite sein, sondern lediglich die, welche Rolle der Islam in Tunesien in der Praxis spielt und in welcher Ausprägung er in Tunesien anzutreffen ist.

Zunächst einmal erstreckt sich der Islam von seinem Wesen her nicht alleine auf den religiösen Bereich, sondern ist gleichfalls eine Ideologie, die sich auf öffentliche Bereiche bezieht.
Tunesien ist allerdings kein "islamischer Staat", sondern nur ein "Staat islamischer Prägung", was heißt, daß die Teile des Islams, die über den engeren religiösen Bereich herausgehen, nur rudimentär in Erscheinung treten und zum Teil absichtlich nicht gewollt sind.

So ist z.B. die Scharia, das islamische Rechtssystem in Tunesien nicht gültig - offiziell zumindest.
Im Detail aber orientiert sich die Rechtssprechung im Zweifelsfall durchaus an Scharia-Regelungen, und dies wurde z.B. durch einen Erlaß des Justizministers auch gerechtfertigt.

Zwar gibt es z.B. keine Steinigungen oder öffentliches Auspeitschen in Tunesien, aber es kann durchaus passieren, daß in einem Erbstreit eine tunesische Person, die eine/n "Ungläubige/n" geheiratet hat, gegenüber anderen Familienmitgliedern den kürzeren zieht.

Zudem legt auch bereits die Verfassung von Tunesien fest, daß der Staat islamisch geprägt ist - und insofern in vielerlei Hinsicht zwar demokratischen Anforderungen mehr oder weniger genügt, aber doch spezielle Anforderungen stellen kann.

Beispielsweise ist in Tunesien nach islamischer Regelung die Ehe zwischen einer tunesischen Person und einer nicht-islamischen Person zwar erlaubt, doch in der Realität findet sich kein Notar, der eine Heirat zwischen einer muslimischen Frau und einem nicht-muslimischen Mann durchführt (umgekehrt dagegen gibt es kein Problem).

Zwar ist die Frau in Tunesien dem Manne nach den Buchstaben des Gesetzes gleichgestellt, doch im Erbfall ist ihr Erbteil gemäß islamischer Vorgabe geringer als die eines männlichen Familienmitgliedes.

Weder können Nicht-Muslime von Muslimen erben, noch ist dies umgekehrt möglich.

So kann z.B. ein Kind aus einer Ehe zwischen einem muslimischen Mann und einer nicht-muslimischen Frau nicht von der Mutter erben (weil Kinder eines muslimischen Vaters automatisch als Muslime gelten).
Ein besonderes Problem stellen Kinder aus binationalen Ehen in Tunesien dar, wenn der Vater ein Tunesier ist, denn in Tunesien selbst hat der Vater das Aufenthaltsbestimmungsrecht über seinen Nachwuchs.
Und das heißt, daß sein Kind das Land nicht ohne die ausdrückliche Erlaubnis des tunesischen Vaters verlassen darf.

Dies kann dazu führen, daß eine Mutter ihr Kind in Tunesien zurücklassen muß oder dazu, daß ein Vater sein Kind nach Tunesien "entführt" - und sich in beiden Fällen nach tunesischem Recht völlig korrekt verhält.
Diese Problematik wird in dem Artikel über binationale Beziehungen in Tunesien dargestellt.

Im Großen und Ganzen jedoch hat der Islam nur wenige ernsthafte Auswirkungen auf das tägliche Leben. Diese Auswirkungen beziehen sich zumeist auf das Tragen gedeckter Kleidung (speziell bei den älteren Menschen) und der Nahrungsauswahl.

Dem in so gut wie jedem Gespräch fallenden Begriff "wu allah" (und Allah / bei Allah) sollte man als Schwur übrigens keine große Bedeutung beimessen, er wird nämlich praktisch zumeist so gebraucht wie bei uns der Satz: "Ich sage es Dir" oder "bestimmt/ehrlich/echt".

Der ebenfalls häufig fallende Begriff "insch allah" (so Gott will) wird praktisch so benutzt wie bei uns "vielleicht" oder "wir werden es sehen" und darf insbesondere alleine keinesfalls als Zustimmung verstanden werden.

"Extreme" Gläubige wurden in Tunesien bis zum Aufstand Ende 2010 staatlicherseits nicht geduldet, sondern beobachtet und gegebenfalls in Haft genommen.
Es gibt auch Berichte, nach denen auch Personen, die häufig in Moscheen gesehen wurden, von der Polizei befragt wurden.

Frauen war das Tragen des islamischen Hijab (im Gegensatz zum traditionellen tunesischen Kopftuch) oder gar eines Vollschleiers in öffentlichen Bereichen (Universität, etc.) verboten, ebenso wie dem Mann das Tragen des langen "islamische" Bartes.

Begründet wurden diese Verbote damit, daß sie ein "untunesisches" Verhalten darstellten und somit staatsfeindlich seien, genauer, daß der Hijab ein Zeichen der Mitgliedschaft in einer fundamentalistischen Gruppe sei, die sich hinter der "Religion" versteckt, um politische Ziele zu erreichen.

Der Hijab ist, der früheren tunesischen Regierung zufolge, ein sektiererisches Kleidungsstück ausländischen Ursprungs und sein Tragen werde im Koran nicht vorgeschrieben.
Die Unabhängigkeit öffentlicher Angestellter sei zudem mit dem Tragen dieser Kleidung nicht vereinbar.

Die Verbote werden zwar nicht strikt und generell, doch mit großer Beharrlichkeit durchgesetzt, so daß es de facto in Tunesien Ende 2010 keine islam-fundamentalistischen Gruppen gab, die in irgendeiner Weise öffentlich in Erscheinung traten, sondern sie wichen eher ins "Exil" nach Europa oder ins Nachbarland Algerien aus.

Dies hat sich nach dem Aufstand ab Frühling 2011 jedoch geändert. Die islamische Partei "En-Nahda" (Die Erneuerung) wurde offiziell als politische  Partei zugelassen und alle aus religiösen Gründen Inhaftierten wurden freigelassen. Hinzu kommen weitere , auch noch konservativere Gruppen islamischer Prägung.

Ob die folgenden Worte, die zumindest bis zum Frühling 2011 noch uneingeschränkt gültig waren, auch weiterhin so gelten werden, muß abgewartet werden. Sicher ist jedenfalls, daß die islamische Bewegung einigen Einfluß hat und z.B. ohne Erlaubnis der Regierung mehrere Bordelle in Tunesien geschlossen und eine große Anzahl Imame (Moschee-Vorsteher) ersetzt hat. Sicher ist aber auch, daß ein bedeutender Anteil tunesischer Bürger, oft jüngere und gut gebildete, einen Staat ohne Einfluß des Islam bevorzugt - auch hier muß sich in den nächsten Monaten zeigen, wie stark dieser Wunsch und ob er mehrheitsfähig ist.

In Tunesien wird der Besucher also keine religiösen Eiferer oder Extremismus / Fundamentalismus, so wie z.B. in Deutschland, finden, sondern durchweg auf einen eher lockeren, praktischen, Umgang mit dem Islam stoßen.

Auf den ersten Blick für "typisch islamisch" gehaltene Verhaltensweisen stellen sich bei näherer Betrachtung meist als die Befolgung traditioneller oder gesellschaftlich befürworteter Regelungen und Meinungen dar, was insbesondere die Stellung von Mann und Frau in der Gesellschaft in Tunesien betrifft.

Dies ist übrigens auch meist der Grund für Verhaltensweisen islamischer Personen in Deutschland, nur wird dies eben da nicht staatlich geschützt, so daß man sich stattdessen auf die "religiöse Freiheit" beruft und damit unter Umständen nicht nur die Staatsorgane gehörig hinters Licht führt.

Man wird als Besucher in Tunesien insofern kaum auf religiös induzierte Probleme stoßen, sondern, im Zweifelsfall, eher mit den lokalen Traditionen in Konfrontation geraten.

Noch einmal: vieles von dem, auf das man trifft, ist nicht "typisch islamisch" sondern allenfalls "typisch tunesisch" (oder "nordafrikanisch") .

Der Islam in religiöser Hinsicht durchzieht die gesamte Bevölkerung - was bei einem Anteil von fast 99% Muslims kein Wunder ist. Dennoch trifft man fast durchweg auf eine praktische, lebensnahe Auslegung und Ausübung des Glaubens, was sich auch in verschiedensten öffentlichen Handlungen der Menschen ausdrückt.

Nicht nur in den Touristenzentren, sondern auch in größeren Ansiedlungen und bei Familienfeiern sieht man rauchende und alkoholtrinkende Menschen, oder Frauen, die Kleidung in Tunesien mit beachtlichen Ausschnitten und oft körpernah tragen und die stark geschminkt sind.

Ein guter, doch nicht der überwiegende, Teil der Bevölkerung besucht die in jedem Stadtteil anzutreffenden Moscheen und der Gebetsruf ist fünfmal am Tag überall zu hören.

Moscheen in Tunesien dürfen nur für Predigten und zu speziellen Gegebenheiten geöffnet sein - allein für bestimmte historisch-touristische Gebäude bestehen temporäre Ausnahmen.

Der Zutritt zu Moscheen ist übrigens "Ungläubigen" nicht gestattet - kann aber für bestimmte Teile des Komplexes ausdrücklich erlaubt werden.

Auf religiöse Spitzfindigkeiten hingegen, die man z.B. aus Diskussionen in Deutschland kennt, trifft man so gut wie gar nicht - vorausgesetzt, der Besucher verhält sich nicht eindeutig provokativ.

Alles in allem bietet Tunesien für den nicht-muslimischen Besucher also einen sehr angenehmen und diesbezüglich un-aufgeregten Aufenthalt.
(c) 2006-2011 TunisPro