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Tradition in Tunesien

Der Begriff der Tradition in Tunesien, Islam




Tradition ist ein Begriff, der in Tunesien nur schwer zu handhaben ist, denn in der Geschichte von Tunesien konnten sich durch die zahlreichen Besatzungszeiten fremder Mächte, wie der Römer, der Araber, der türkischen Ottomanen und der Franzosen so gut wie keine landestypischen Traditionen, die zudem für die Mehrzahl aller Gebiete gültig ist, entwickeln.

Hinzu kommt der Islam als invasives Element, der den ursprünglichen Berbervölkern fremde Traditionen des arabischen Raumes überstülpte.

"Tunesische Tradition" ist insofern ein Begriff, der sich in der Praxis zunächst sowohl auf die beiden maßgeblichsten Einflüsse, nämlich das Erbe der Berberkultur, als auch auf Bestimmungen, die durch den Islam in Tunesien eingeführt wurden, beziehen kann.
In den meisten Fällen aber umfaßt er auch die, im Norden besonders zum Ausdruck kommenden, Elemente aus phönizischer, römischer und französischer Besatzungszeit.

"Tradition in Tunesien" ist wie ein Blumenstrauß, aus dem je nach Region und Vorliebe die eine oder andere Blume stärker herausragt.

Dies macht es natürlich schwierig, von "der" Tradition zu reden und es ist sicherlich angebracht, sich in Diskussionen erst einmal darüber klar zu werden, worauf eine Tradition beruht und welcher Zweck mit ihrem Beachten verfolgt werden soll.

Speziell das letztere ist in Tunesien sehr wichtig, nämlich den Zweck einer Argumentation herauszufinden.

Beispielhaft soll hier das bis noch 2011 in Tunesien gültige "Kopftuchverbot" genannt werden, bei dem es darum ging, daß Kopftuchträgerinnen in öffentlichen Gebäuden nicht gerne gesehen und teilweise auch auf der Straße von Polizisten dazu aufgefordert wurden, manchmal sogar rabiat, das Kopftuch abzunehmen.

Hier trafen zwei unterschiedliche Argumentationen zusammen, auf der einen Seite die religiöse, die sich auf die Tradition des Islam beruft (
nach der eine Frau ihren Kopf bedecken soll) und die andere, die regierungsamtliche, die sich auf Berber-Traditionen berief, in denen es zwar ein Kopftuch gab, doch eben keines, das islamisch-verhüllend ist - und die demzufolge auch nur die berber-traditionelle Kopftracht anerkannte.
Für die eine Seite war also die maßgebliche tunesische Tradition die "islamische", während es für die andere die "berberische" war.


Auf Interpretationsprobleme dieser Art wird man in Tunesien häufig stoßen.

Selbst innerhalb derselben Familie können einige Mitglieder zu einer, andere zu einer anderen Interpretation von "Tradition" neigen.

Für Außenstehende ergibt sich dabei schnell der Eindruck der Beliebigkeit, indem nämlich entweder die eine oder die andere Tradition herangezogen wird, je nach dem Ziel, für das gerade argumentiert werden soll.

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